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Erich Fried

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Gedichte

Erich Fried und seine Beziehung zu Deutschland

Referat von Jenny Richter (ehememalige Schülerin) im Rahmen des Deutschunterrichts der Jahrgangsstufe 10

Erich Fried: Schriftsteller, Dichter, Jude. Es waren Deutsche, die seine Kindheit zerstörten, die seinen Vater und seine Großmutter töteten, die ihn zur Flucht zwangen, und es waren Deutsche, die Millionen seines Volkes vergasten.

Trotzdem oder gerade deswegen verlor Erich Fried nie seine Beziehung zu Deutschland. Er widmete diesem Land viele Gedichte, kämpfte für die Menschen und versuchte, sich gegen Hitler zu stellen. Keinem anderen Land schrieb Erich Fried so viele Gedichte, oftmals bittere, traurige und negative Gedichte. Doch trotz seines schweren Schicksals ist Fried nie zum Deutschland-Hasser geworden. "Ich liebe zu viele Menschen dort, als daß ich Deutschland hassen könnte", sagte er oft, "doch kann ich es kritisieren. Und das tat er.

Als ich die Aufgabe bekam, im Deutschunterricht ein Referat über Erich Fried zu schreiben, mußte ich erst einmal überlegen, was ich mit ihm zu tun habe, außer, daß die Schule, die ich besuche, seinen Namen trägt. Mir fiel ein bestimmtes Ereignis ein.

Ein Journalist, der für die WAZ arbeitet und mehrere Jahre in unserem Haus wohnte, bewirtschaftete lange mit ein paar Freunden die Kneipe ‘Sonne’. Als er hörte, daß Erich Fried im Ruhrgebiet verweilte, lud er ihn zu einer Lesung in die Sonne ein.

Nach einer interessanten Lesung und einer Diskussion wurde Erich Fried einfach in die Schaeferstraße mitgenommen. Da er Hotels scheute, fühlte er sich in unserem Haus wohl, das damals mehrere Wohngemeinschaften beherbergte. Die damaligen Hausbewohner erinnern sich noch heute gern an den Besuch von Erich Fried. Sie erlebten ihn als einen lebenslustigen, freundlichen Menschen, mit dem man bis in die Morgenstunden diskutieren konnte. Seit diesem Zusammentreffen befaßten sie sich ausgiebig mit seiner Literatur und kauften sich seine Bücher, wovon ich nun wiederum profitiere.

Angst und Zweifel

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst
aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel
(1972)

Erich Fried: geboren am 6. Mai 1921, verstorben am 22. November 1988

Angst und Zweifel begleiteten Erich Fried sein Leben lang: Angst vor der Zukunft, Zweifel an den Menschen. Seine Gedichte spiegeln das wider. Sie sind geprägt von Zorn, von Angst, von Zweifel und besonders von Fragen.

Seine Gedichte sind bitter und lassen oft einen schlechten Geschmack auf der Zunge zurück. Der Mensch Erich Fried war keineswegs verbittert. Durch die Ereignisse in seiner Kindheit entstanden viele Gedichte, die zum Nachdenken anregen, die auch provozieren, selbst wenn die Provokation verschlüsselt ist. Seine Gedichte, Texte, Geschichten und Prosawerke richten sich gegen die Ungerechtigkeit und sind überall wiederzufinden.

Erich Fried wurde am 6. Mai 1921 als einziges Kind des Spediteurs Hugo Fried und der Graphikerin Nelly Fried in Wien geboren. Er lebte einen Großteil seiner Kindheit in der Wohnung seiner Großmutter Melvine Stein, die sich im neunten Wiener Bezirk befand. Fried und seine Großmutter hatten eine enge Beziehung, da sie für seine Erziehung verantwortlich war. Noch lange nach ihrem Tod hatte er ein klares Bild von ihr in seinem Kopf. In dem Buch "Mitunter sogar lachen" beschreibt Erich Fried die Beziehung zu seiner Großmutter:

"Wenn ich von meiner Großmutter erzähle, fangen fast alle Geschichten, ganz gleich wie sie enden, irgendwie komisch an. Vielleicht schon, weil diese grauhaarige, später weißhaarige, sehr kleine und zierliche Frau, die mich in meinen ersten Jahren erzog, die ich lieber hatte als Vater und Mutter und die sich halbnackt oder doch nicht anständig angezogen fühlte, wenn sie nicht ihr schwarzes Samtband um den Hals gelegt hatte, so phantasievoll und ausführlich schimpfen konnte, daß sie oft sogar meine keineswegs auf den Mund gefallenen Eltern zum Schweigen brachte. Nur ich hatte mir meine Beobachtung, daß die ärgsten Verwünschungen und Schimpfreden sich immer genau der selben Redensarten und Worte bedienten, zunutze gemacht, indem ich ihr ihre ewig gleichen Flüche, die ich natürlich längst auswendig wußte, viel schneller vorsagte, als sie selbst sie schleudern konnte." (S. 7)

Von ihr bekam er erste Spuren von Gerechtigkeitssinn mit, die ihn prägten:

"Zum Beispiel könnte die bis in ihr hohes Alter in beträchtlichem Maß feststellbare Bereitschaft meiner Großmutter, sich trotz ihrer geringen Größe lautstark und durch heftiges Schimpfen gegen allerlei Mißlichkeiten und vor allem gegen größere und mächtigere Menschen zur Wehr zu setzen, durchaus mit diesem ersten wenn auch unfreiwilligen Unterdrückungsversuch eines viel größeren Menschen zusammenhängen oder doch einigermaßen einleuchtend in Zusammenhang gebracht werden." (S. 9)

Mit sechs Jahren machte Erich Fried seine ersten Erfahrungen mit der Schauspielerei, die ihn auf den Geschmack der Literatur brachte. Ein Jahr reiste er mit einer Kinderschauspieltruppe zu den verschiedenen Bühnen Wiens. Am 15. Juli 1927 bekam Erich Fried den ‘Blutigen Freitag’ hautnah mit. Es fand eine Arbeiterdemonstration anläßlich eines Freispruchs von Mördern statt, die zwei Arbeiter umgebracht hatten. Diese Demonstration wurde blutig niedergeschlagen. Ein Polizist und 80 Arbeiter starben. Um seine Empörung zu zeigen, weigerte er sich, weil der dafür verantwortliche Johan Schober anwesend war, sein Weihnachtsgedicht auf der Schulfeier aufzusagen.

Seit diesem Ereignis setzte er sich fast täglich mit politischen Fehlentscheidungen und Ungerechtigkeiten auseinander. Wegen Frieds frühen politischen Engagements und seines literarischen Interesses, wurden seine ersten Lebensjahre als Wunderzeit beschrieben.

1938 wurde Erich Fried erstmals mit Deutschland und deutscher Politik konfrontiert. Der gewaltsame Anschluß Österreichs an Hitler-Deutschland wurde der Familie Fried und zugleich unzähligen anderen Juden zum Verhängnis. Seine Eltern wurden verhaftet, sein Vater starb durch die grausamen Verhörmethoden der Gestapo.

Der Tod seines Vaters gab ihm den Anlaß, sein erstes Gedicht zu schreiben.

Begräbnis meines Vaters


Am Judenfriedhof ist viel Land umbrochen
und Sarg um Sarg kommt, und die Sonne scheint.
Der Pfleger sagt: So geht es schon seit Wochen.
Ein Kind hascht Falter, und ein Alter weint.

Dumpf fällt der Vater in die Erde,
ich werfe Lehm nach, feucht und kalt.
Der Kantor singt. Es wiehern schwarze Pferde.
Es riecht nach Sommeraufenthalt.

Die mir die Gärten meiner Stadt versagen,
die Bank im staubigen Grün am Kai,
sie haben mir den Vater totgeschlagen,
daß ich ins Freie komm und Frühling seh.

(aus: Erich Fried Gesammelte Werke, Band 1,
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1993)

In diesem Gedicht beschreibt er während des traurigen Begräbnisses seines Vaters den Frühlingsanfang, ein freudiges Ereignis. Er signalisiert uns damit, daß er nach vorn sieht. Trotz seiner großen Trauer verlor er nie den Mut und nie seine Ziele aus den Augen.

An dieser Stelle möchte ich einen Satz zitieren, der von Erich Fried stammt. Der damals 53jährige erinnert sich an den Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich.

"Nach dem deutschen Einmarsch in Wien, 1938, der mich aus einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden verwandelte, und nach der Ermordung meines - unpolitischen - Vaters durch Gestapo-Beamte, nahm ich mir vor, wenn ich lebend entkäme, zu tun, was mein Vater in den letzten zwölf Jahren seines Lebens vergeblich tun wollte - Schriftsteller zu werden. Ich wollte gegen Faschismus, Rassismus und Austreibung unschuldiger Menschen schreiben."

(Festgehalten von Volker Kaukoreit in der Zeitschrift ‘Freibeuter’, Nr. 7/1981, S. 21)

Im August 1938 floh Erich Fried über Belgien nach England. Dort wollte er seinen Traum verwirklichen.

Abermals kam er mit dem Deutschen Reich in Berührung als er dem ‘Freien Deutschen Kulturbund’ beitrat. Sein Engagement richtete sich gegen die Ungerechtigkeit und die Schrecken des Krieges.

Anfang 1940 erschienen seine ersten zwei Gedichtbände ‘Deutschland’ und ‘Österreich’. In seinen Gedichten über Deutschland kritisierte er Politiker, Schriftsteller, Journalisten, aber auch normale Bürger.

"In anderen Ländern sind hundertmal mehr,

die aufstehn und kämpfen und rufen,"

heißen zwei Zeilen aus seinem Gedicht

‘Denen in Deutschland’.

Fried beschrieb in diesem Gedicht seine Gedanken zum Krieg und zu Hitler. "Es wirkte in ihm der Ausdruckszwang", schrieb Hans Mayer, ein Literaturwissenschaftler und guter Freund Erich Frieds. Fried kannte viele Wege, sich auszudrücken: Durch seine Reden, seine Erzählungen, Zeitungsartikel und vor allem durch seine Gedichte.

1953, fünfzehn Jahre nach seiner Flucht, besuchte Erich Fried erstmals Berlin. Mit gemischten Gefühlen reiste er durch die Stadt, die gerade wieder aufgebaut worden war, aber noch deutliche Spuren des Krieges zeigte.

Es gab mehrere Gründe, warum er nicht nach Deutschland oder Österreich umsiedelte. Natürlich waren da die Erinnerungen, die sich an diese Länder knüpften. Zum anderen wurde es in Deutschland unter Bundeskanzler Erhardt üblich, gegen kritische Schriftsteller zu hetzen. Und nicht zuletzt heiratete er dreimal in England und zeugte dort mehrere Kinder.

Durch seine vielen Reisen in die Schweiz, nach Österreich und Deutschland blieb er in aller Munde. Er pflegte seine Kontakte und bekam so z.B. auch den Auftrag zu Shakespeare-Übersetzungen.

Vor allem aber beschäftigten ihn immer wieder die Kriegsgeschehnisse, die Angst vor einem neuen Krieg und er versuchte, mit seinen Werken die Menschen vor diesen Gefahren zu warnen. Ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1975 macht das deutlich.

In den dreißig Jahren seit Hitler ist die Bundesrepublik keine annähernd so gute Demokratie geworden wie etwa Dänemark oder Holland, wie Schweden, die Schweiz oder auch das problematische Frankreich. Sie alle haben ihre Schwächen, aber nicht so arge. Niemand lernt alles aus der Geschichte, was er eigentlich lernen müßte. Die Frage ist, ob Deutschland genug gelernt hat, um Demokratie zu bleiben.

Helmut Gollwitzer und Heinrich Böll haben, als sie die Ossietzky-Medaille erhielten, ihre Reden mit den Worten beendet, mit denen auch ich jetzt enden möchte: Nicht aufgeben, nur nicht aufgeben!

(aus: Erich Fried "Gedanken in und an Deutschland", Europa-Verlag, Wien-Zürich, 1988)

Natürlich schrieb Fried noch viele andere Gedichte und Artikel, die sich mit politischen Ereignissen in Deutschland auseinandersetzten, wie z.B. zum Tod von Ulrike Meinhof oder den Nachruf auf Rudi Dutschke, in denen er zu aktuellen politischen Themen Stellung bezog.

Zwischen 1970 und 1980 machte er viele Lese- und Vortragsreisen, regelrechte Tourneen. Er hielt Lesungen - wie die schon erwähnte in Herne in der ‘Sonne’ - nahm an Kongressen und Friedensveranstaltungen teil und ging zu Preisverleihungen. Er wollte den Menschen seine Botschaft bringen und ließ sich nie beirren. Auch nach Ausbruch seiner schweren Krankheit kämpfte er weiter: Gegen Ungerechtigkeit und gegen seine Krankheit.

Und er kämpft jetzt immer noch durch diejenigen, die sich seine Worte gemerkt und von ihm gelernt haben. Er hat erreicht, was er wollte: Er war ein bekannter Schriftsteller und ist über seinen Tod hinaus nicht vergessen. Auch durch unsere Schule lebt er weiter und ich denke, er wäre stolz darauf. Seine Witwe Catherine ist es jedenfalls.

Zum Schluß möchte ich noch erzählen, was im Text nirgendwo Platz gefunden hat. Es ist ein persönliche Sichtweise, die vielleicht nicht von vielen anderen geteilt wird.

Als ich die Erzählungen über Erich Frieds Kindheit "Mitunter sogar Lachen" gelesen hatte, stellte ich fest, daß sie mich stark an ein anderes kürzlich gelesenes Buch erinnerten: "Geschichten aus dem Hinterhaus", in der Kriegszeit geschrieben von Anne Frank.

Die Schreibstile ähneln sich und sie hatten ähnlichen Humor. Vielleicht ist es aus der Tatsache zu erklären, daß beide aus jüdischen Familien stammten, einer Generation angehörten und so gemeinsame Sichtweisen entwickelt haben. Ich glaube, wenn Anne Frank das KZ Bergen Belsen überlebt hätte, wäre sie auch Schriftstellerin geworden und hätte sich gegen den Krieg gestellt.

Auch hier hinein kann man alles mögliche schreiben.

Hier hinein kann man alles mögliche schreiben.