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Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist zum Leitwort geworden

Ansprache von Kenneth Ellington anläßlich der Einweihung einer Gedenktafel für die Opfer des NS-Regimes am 10. April 2008.

Kurt Eisenberg hat den Holocaust überlebt. Noch rechtzeitig vor Beginn der Massenvernichtungen, war es seinen Eltern gelungen den Jungen mit einem Kindertransport 1938 nach England in Sicherheit zu bringen. Am 10. April war Eisenberg, der heute Kenneth Ellington heißt, wieder in seiner Geburtstadt Herne zu Gast. Im Rahmen einer Feierstunde in der Erich-Fried-Gesamtschule weihte er gemeinsam mit seiner Frau Esther eine Gedenktafel ein, die künftig an das Schicksal seiner Familie und der Familie Blumenthal erinnern soll. In seiner Ansprache versuchte der 85jährige den Ursachen des damaligen Grauens auf die Spur zu kommen. Dabei würdigte die beispielhafte Erinnerungsarbeit an den Herner Schulen.

Wir dokumentieren die Rede im Original:

„Es ist gar nicht so leicht, vor Ihnen zu stehen und plötzlich eine kleine Ansprache zu halten in einer Sprache, die zwar meine Muttersprache ist, deren Gebrauch mir aber nun nicht mehr so geläufig ist als in der Vergangenheit. Ich muss Sie daher bitten, meine gelegentlichen grammatischen Fehler zu übersehen sowie auch mein Stottern und Stammeln in der Suche nach geeigneten Worten, die jetzt vielleicht auch gar nicht mehr an der Mode sind.

Es ist vielleicht sogar noch schwerer, die richtige Balance, das richtige Gleichgewicht in einer Rede zu finden, die sich mit dem heiklen Thema des Holocausts befasst.

Diese Ansprache ist nun die dritte Version die ich mir von ihr gemacht habe. Der erste Versuch erschien mir zu ungeschickt, zu schwerfällig – vielleicht weil ich mich erst wieder daran gewöhnen musste, ein Schriftstück in der deutschen Sprache zu verfassen. In dem zweiten Anlauf wollte ich auch ein paar Worte über die schrecklichen Einzelheiten des Holocausts sagen. Als ich aber die fertige Anrede meiner Frau vorließ, schüttelte sie energisch den Kopf und riet mir, diesen Teil auszulassen. Sie meinte nicht nur, dass es zu schmerzlich gewesen wäre alle diese Erinnerungen wieder in unsere Gedächtnis zurückzurufen, und dass ich in Gefahr sei, dabei meine Haltung zu verlieren, sondern sie bemerkte auch ganz richtig, dass dies alles nicht notwendig sei, denn Sie, meine Damen und Herren, wüssten das was ich dort berührt hätte selbst sehr genau, sonst wäre es ja nie zu dieser Gedenkfeier gekommen.

Vor allem aber möchte ich zuerst, und nachdrücklich konstatieren, dass ich nie der Ansicht war, dass man die heutige Generation – Sie meine lieben Zuhörer, ob Sie nun Eltern oder Jugendliche sind, für die Untaten, die in jener Zeit verübt wurden, und die nun mindestens zwei Generationen zurückliegen, verantwortlich machen kann.

Als ich begann über diesen Besuch nachzudenken, machte ich mir den Vorwurf, dass ich, der Sohn von Eltern die, wie so viele andere, Opfer des Holocausts waren, mein Glück dem entgangen zu sein, sehr auf die leichte Schulter nahm. In einem meiner Artikel über mein persönliches Leben beschrieb ich den tränenreichen Abschied, den die Kameraden meines Kindertransports (nach England) von ihren Eltern am Lehrter Bahnhof in Berlin nahmen und wie die Älteren ihr bestes taten, die Jüngeren unter uns zu trösten und ihnen Mut zuzusprechen. Ich bemerkte aber auch, dass die Tränen nach einer Weile einem kleinen Lächeln stattgaben, denn der natürliche Optimismus aller Kinder besiegte die Trauer – es ging ja einem großen neuen Erlebnis entgegen. Und ich fürchte, und vielleicht ist es verständlich, dass wir der Vergangenheit nicht übermäßig nachtrauerten sondern sie - rein psychologisch - zu verdrängen geneigt waren. Natürlich vermisste ich meine Eltern die ich, wie jedes normal Kind, abgöttisch liebte. Ich trauerte ihnen nach. Es verging kein Tag, an dem ich nicht an sie dachte. Aber bei dieser Trauer dachte ich weniger an das Schreckensschicksal, das ihnen widerfahren war. Meine Trauer war von einer viel egoistischeren Art. Ich bedauerte, dass sie mich nicht als erwachsenen Sohn gekannt hatten. Ich wollte, dass sie meine Frau und meine Kinder gekannt und geschätzt und geliebt hätten und sie ohne irgend einen Vorbehalt in unsere Familie aufgenommen hätten. Ich wollte, dass sie die Freuden von Großeltern genießen konnten. Ich wollte ihnen beweisen, dass ich trotz allem, einen ordentlichen Beruf erlernt hatte und in ihm einige bescheidene Erfolge erlangen konnte. Und es kam mir plötzlich zum Bewusstsein, dass ich in meinem Leben, diesem einschneidenden Ereignis, dem Holocaust, nicht genügend Interesse gewidmet hatte. Dass zum Beispiel der Herr Piorr ein weit größeres Wissen über dieses, uns so nahe stehendem Ereignis hat als ich, der ja direkt darin verwickelt war. Und je mehr ich über diesen Mangel nachdachte, um so klarer wurde es mir, dass es für eben dieses Ereignis eigentlich keine klare, keine allgemein anerkannte Erklärung gibt.

Wenn man das Wort “ Holocaust” in die Suchspalte der Suchmaschine “Google” setzt, gibt diese 363.000 Hinweise in der anglo/amerikanischen Sprache und 1.750.000 in der Deutschen.

Ich habe die ersten 100 Artikel in jeder der beiden Sprachteile kurz gemustert. Man findet dort viele Einzelheiten. Die Rede ist von Antisemitismus, von Rassenwahn, von Nationalsozialismus, Wirtschaftskrisen, dem ersten Weltkrieg, von Mangel an Zivilcourage und von allen möglichen Gründen die ihren Anteil am Auftreten des Schreckenereignisses haben. Aber ich suchte umsonst nach einem – in Anführungsstrichen –“ wissenschaftlichen” Historiker, der im Stande gewesen wäre, einen Schritt nach rückwärts zu tun, um dieses hochkomplizierte Ereignis einmal als Ganzes zu betrachten, der vielleicht seine sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wurzeln hätte darlegen können, der die sich entwickelnden Vorgänge zu analysieren begonnen hätte und dann vielleicht mit einer neuen historischen Entwicklungsthese vor die Öffentlichkeit getreten wäre.

Wie ich im Vorwort zu dem kleine Beitrag, den ich zu Herrn Piorr’s Buch “Eine Reise ins Unbekannte” andeutete: Flüchtlingsturm, ethnische Säuberung, Vertreibung, Massenmord geschieht jeder Zeit rund um den Erdball. Man denke nur an die Massenvernichtungen in Kosovo, in Somalia und in Darfur.

Ich zitiere Elie Wiesel, einen bekannten Schriftsteller und direkter Zeuge dessen, von dem hier die Rede ist:

“Der Holocaust verneint alle Antworten. Er liegt außerhalb der Geschichte, wenn auch nicht jenseits von ihr. Er widersteht jedem Wissen sowie jeder Beschreibung. Er wird niemals verstanden werden, weder im konkreten noch im abstrakten Sinn.”

Ein Physiker oder ein Ingenieur, vor diese Aufgabe gestellt, hätte an erster Stelle versucht, sich ein Modell auszudenken. Mit Hilfe dieses Modells hätte er Berechnungen angestellt – und mit einem bisschen Glück wäre er vielleicht zu der Entdeckung einer neuen Einsicht oder gar eines neuen Naturgesetzes gekommen.

Sie, meine lieben Zuhörer werden einwenden, dass das menschliche Geschehen keiner Maschine gleicht, dass es kein Mechanismus, kein Naturvorkommnis ist, aus dem man einfach ein Modell ableiten kann. Noch viel weniger ein Modell, dass sich zu Berechnungen eignet. Dazu ist das Menschengeschehen viel zu kompliziert. Zu viele seiner Komponenten greifen ineinander ein und beeinflussen sich gegenseitig in einer Art und Weise, die keiner rechnerischen Deutung unterliegt – und Sie hätten mit Ihrem Einwand Recht.

Aber gerade weil wir keine verlässliche Erklärung über dieses so überaus komplizierte Phänomen haben, können wir nie wissen, ob es sich nicht eines Tages wiederholen wird – und nicht unbedingt in Deutschland sondern in irgend einer anderen Gegend unseres so problemreichen Planeten.

Und gerade weil rationell denkende Menschen sich wohl den Terror, sich wohl den Schrecken ausmalen können, wenn sie Berichte über die Einzelheiten des Holocausts lesen oder hören, sind sie nur schwerlich im Stande, die Tragweite eines solchen Ereignisses zu ermessen oder auszuwerten, und daher ist es um so wichtiger, alles daranzusetzen, dass es nie wieder zu einem solch Unbegreiflichen kommt.

Zu dieser Aufgabe haben Sie, liebe Zuhörer, der Stadtrat von Herne, die Schulen mit ihren Schülern und ihrer Lehrerschaft, nicht nur durch die Errichtung der vielen Gedenktafeln, nicht nur durch das Schreiben von historischen Betrachtungen, nicht nur durch Ihre Anwesenheit hier am heutigen Ort das Ihrige beigetragen.

Nein, was mir viel wichtiger erscheint ist, dass der Gedanke einer Aufarbeitung der Vergangenheit so vielen von Ihnen zum Leitwort geworden ist, und Sie, fast unabhängig voneinander, das gleiche Empfinden erlangt haben, nämlich, dass diese traurige Geschichte nicht ohne Zurückdenken, nicht ohne Erinnerung, nicht ohne Warnung in den Hintergrund verdängt werden kann, und das muss auch von uns allen Überlebenden der Schoah - selbst jenen mit den schmerzlichsten Erinnerungen - dankbar anerkannt werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

Auch hier hinein kann man alles mögliche schreiben.

Hier hinein kann man alles mögliche schreiben.