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Am zweiten Tag besuchten wir das Stammlager des Konzentrationslagers Auschwitz. Als wir ankamen, war es schon recht voll – überall Gruppen mit Headsets, über denen die Guides das zu Sehende erklärten und kommentierten. An dieser Stelle sei bemerkt, dass das Konzentrationslager Auschwitz dreigeteilt ist: Das Stammlager (Auschwitz I) wurde 1940 errichtet und unterscheidet sich grundsätzlich vom bekannteren Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Es ist wesentlich kleiner (ca. 600 mal 400 Meter) und diente nicht der gezielten Vernichtung von Häftlingen. In Auschwitz I wurden hauptsächlich politische Gefangene untergebracht. Die Anlage des Stammlagers ist noch fast vollständig erhalten – in den mehr als zwei Dutzend Baracken sind heute Ausstellungen der Länder untergebracht, aus denen die Häftlinge nach Auschwitz deportiert worden sind. Auschwitz-Birkenau hingegen nimmt eine mehrfach größere Fläche (ca. 5Quadratkilometer) ein. Dort wurden die Häftlinge oftmals bereits direkt nach der Anreise per Zug, der mitten im Lager hielt, Richtung Krematorien geführt und ermordet. Doch auch diejenigen, die registriert wurden, starben in sehr kurzer Zeit. SS- Hauptsturmführer und Schutzhaftlagerführer Karl Fritzsch begrüßte Neuankömmlinge damals mit folgenden Worten: „Das hier ist kein Sanatorium, das hier ist ein Konzentrationslager. Ein Jude lebt hier zwei, ein Pfaffe drei Wochen, ein gewöhnlicher Häftling drei Monate.“ Im Stammlager wurden wir von einer Fremdenführerin durch die verschiedenen Ausstellungsräume begleitet, so dass wir das tatsächliche Lagerleben vermittelt bekamen. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht ausführen, unter welch menschenunwürdigen und katastrophalen Bedingungen die Häftlinge leben mussten – aber es erstaunt einen doch sehr, wenn man weiß, dass Menschen einander etwas derart Schlimmes antun können. Im Stammlager befindet sich auch eine Gaskammer mit angeschlossenem Krematorium. Nach der Rekonstruktion kann man diesen Bau heute wieder begehen. Ein Schüler unserer Reisegruppe empfand das als verstörend und irritierend: „Ich bin da einfach so durch gegangen, aber damals sind die Leute reingegangen und kamen niemals mehr heraus.“ Und genau das ist es, was ein Besuch des Konzentrationslagers ausmacht: Die Diskrepanz zwischen dem, was man sieht und dem, was man weiß, aber nicht tatsächlich begreift. Es ist nicht möglich, sich in dem Maße das Gewesene vor Augen zu führen, als dass man sagen könne, man verstehe nun wirklich, wie es den Opfern damals ergangen ist. Es geht nicht. Und das ist vielleicht auch gut so. Wir waren die erste Reisegruppe, die am Mittwochmorgen am Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ankam. Es war ein seltsamer Moment. Denn zum Einen war man gespannt, was einen erwarten würde – nun endlich war man dort, wovon man schon so viel gelesen und gehört hatte – zum anderen aber wusste man eben, an was für einem Ort man sich befand und wusste um die Grausamkeiten, die hier geschehen sind. Ich empfand, gerade weil ich die ganze Reise auch fotografisch dokumentierte, eine bizarre Mischung aus natürlicher Neugier – dem nur menschlichen Drang nach Unbekanntem – und Pietätlosigkeit aufgrund derselben. Etwas, das ich mehrmals in Oswiecim so empfunden habe. Wir betraten jedenfalls das Lager durch das Tor, durch das vor mehr als siebzig Jahren die vollkommen überfüllten Züge voller Menschen einfuhren. Noch auf dem Bahnsteig wurden die Menschen damals selektiert – nur die arbeitsfähigen und jungen wurden zur Registratur ins Lager geführt. Den anderen stand der Tod durch Gas bevor. Wieder begleitete uns die Fremdenführerin, so dass das, was wir sahen, und das, was nur zu erahnen war, sich durch Schilderungen und Berichte von Zeitzeugen zu einem Gesamtbild fügte. Und wieder passte das alles irgendwie nicht zusammen: Wir standen genau dort, wo für Hunderttausende der Gang zu den Gaskammern begann, und doch war das Wetter einfach fantastisch, war der Tag einfach schön. Wir liefen an Tümpeln vorbei, in denen die Asche Hunderttausender geschüttet worden war, und die Umgebung war geradezu idyllisch – ein Specht bei der Arbeit, ein Windzug in den Baumkronen, schöne Wildblumen. Für mich war es seltsam, zu erkennen, dass der Ort selbst – zumindest für mich – keinen Schrecken verbreitet. Bis auf den Stacheldrahtzaun ist alles irgendwie unscheinbar. Aussagelos. Man kann nicht ahnen, dass die Trümmer vor denen man steht, symbolhaft für eines der größten Verbrechen an der Menschheit stehen. Am Abend dann trafen wir uns in der Jugendbegegnungsstätte mit Wilhelm Brasse (92 Jahre alt), einem Überlebenden von Auschwitz. Er war Lagerfotograf, und hat somit alle Häftlinge fotografiert und Auftragsarbeiten z.B. für den SS-Arzt Josef Mengele erledigt. Und dadurch allerhand erlebt. Ich war wirklich überrascht, wie klar und strukturiert Herr Brasse über mehr als drei Stunden ohne Unterbrechung hinaus von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager berichten konnte. Es war erstaunlich, dass er nie den roten Faden verlor – selbst, wenn er mitten im Satz abbrach, um minutenlang eine Zwischenfrage zu beantworten. Aber gerade weil Herr Brasse einem das Geschehene so strukturiert und irgendwie auch sachlich vermittelt hat, fiel es mir schwer, mich in seine Lage zu versetzen. Mir auszumalen, was er durchgemacht hat, und mit was für Erinnerungen er wohl noch zu kämpfen hat. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht einmal konkret werden und die Grausamkeiten benennen, die er mit ansehen musste und die ihm widerfahren sind – aber es erschien mir surreal, nun diesem Mann gegenüber zu sitzen. Doch ich bin sehr froh, dieses Gespräch mit ihm gehabt zu haben. Die Zeitzeugen von damals sind im Begriff, auszusterben. Man sollte daher jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um mit ihnen direkt in Kontakt zu treten. Geschichtsbücher vermitteln Fakten und Zahlen, aber die Schicksale – die offenbaren sich am besten, wenn man ihnen gegenüber sitzt. Herr Brasse bezeichnete uns während des Gesprächs alle immer wieder als seine Freunde. Es lag Aufrichtigkeit in seinen Worten. Zum Schluss sagte er noch folgendes: „Jetzt sind wir hier im geeinigten Europa alle Freunde.“ Am Donnerstag fuhren wir schon recht früh mit einem überregionalen Linienbus nach Krakau. Nach den Erlebnissen der letzten Tage war es schön und richtig, abschalten zu können. In Kleingruppen erkundeten wir z.B. das jüdische Viertel im südlicheren Teil des Stadtzentrums, besuchten das Stadtschloss und die Kathedrale, unter der die Königsgräber liegen. Am frühen Abend fuhren wir zurück nach Oswiecim. Unsere Koffer waren bereits im Bus, so dass wir nach einem letzten Abendessen und einer kurzen „Feedbackrunde“ schon die Rückreise antraten. Wieder in Herne an der Schule angekommen, ging ich ans SV-Postfach, und fand dort – wie es der Zufall so will - ein Werbeschreiben von der NPD: „Scharia oder wir!“ war der Werbespruch. Es wäre schön, wenn Herr Brasse mit seinen Schlussworten recht gehabt hätte. [ aktuelle Nachrichten ] [ Nachrichten-Archiv ] [ Druckansicht ] | ||||||||